Aufforderung durch den Arbeitgeber sich "Krank zu melden"

  • Hallo in die Runde.

    Ich würde gerne mal ein paar Meinungen einholen und zwar zu folgendem Fall.
    Ein Mitarbeiter mit einer Schwerbehinderung wird aufgefordert Tätigkeiten auszuüben, die nicht mit seiner Einschränkung vereinbar sind (Wirbelsäule mehrfach operiert und darf keine schweren Teile heben). Der Mitarbeiter erklärt, dass er dass nicht leisten kann und es andere, leichtere Tätigkeiten gibt. Soweit mal die Kurzfassung.

    Der Vorgesetzte sagt darauf hin, dass sich der Mitarbeiter doch "Krank schreiben" lassen soll.

    Ist das nicht eine Aufforderung zum Betrug?


    Danke für eure Einschätzung.

    DON

  • das ist seitens des Vorgesetzten die Aufforderung an den MA dem AG Hilfestellung für seine eigene Kündigung zu leisten.


    Der MA soll sich darauf nicht einlassen, entsprechende Notizen mit Wer, Wann, wo, was + Zeugen machen.


    Den Vorgesetzten kann man dafür seitens des AG abmahnen und wenn der MA dazu "Nachweise" vorlegen kann, würde als BR ich den AG auffordern das Verhalten des Vorgesetzten zu unterbinden und abzumahnen.

    Die Scheu vor der Verantwortung ist eine Krankheit unserer Zeit, denn Macht ohne Verantwortung ist wie ein Feuer außer Kontrolle.


  • Ohne nun genaue Hintergründe zu kennen:
    Ich gehe aufgrund der Schilderung davon aus, dass der Mitarbeiter aufgrund seiner Wirbelsäulenproblematik schwerbehindert ist. In diesem Fall hat der AG die Möglichkeit Beihilfen durch das Integrationsamt zu erhalten um die Minderleistung auszugleichen.

    Der AG ist auf diese Möglichkeit hinzuweisen und der Vorgesezte sollt dahingehend aufgeklärt werden das er solche Forderungen zu unterlassen hat.

    Wichtig ist wie bereits von Randolf geschrieben die Dokumentation sowie die frühzeitige Einbindung des BR.


    Viele Grüße

    Frank

  • Danke euch. Es tut sich mir gerade der Verdacht auf, dass der AG versucht die Schwerbehinderten durch solche Gespräche (es gab noch einen anderen Fall, wo nach einer Zukunftsprognose gefragt wurde) los zu werden.


    Es riecht stark danach, dass der AG hier vorbaut, um Kündigungen auszusprechen.

  • Es riecht stark danach, dass der AG hier vorbaut, um Kündigungen auszusprechen.

    der Verdacht liegt nahe, weil SB-MA schwer zu kündigen sind.

    Da ist dann "Arbeitszeitbetrug" oder "falsche AUB" sicher ein Weg, weil das natürlich auch ein SB-MA nicht darf.

    Die Scheu vor der Verantwortung ist eine Krankheit unserer Zeit, denn Macht ohne Verantwortung ist wie ein Feuer außer Kontrolle.


  • Oh Mann,


    mal wieder ziemliches Rumspekulieren. Natürlich ist es ein Grund für eine AU, wenn ein AN mit Tätigkeiten beschäftigt wird, die seiner Gesundheit schaden. Ich empfehle mal einen Blick in § 2, Abs. 1 AU-Richtlinien:

    https://www.g-ba.de/downloads/62-492-3374/AU-RL_2023-12-07_iK-2024-02-21.pdf

    Mit "Betrug" oder Ähnlichem hat das gar nichts zu tun.


    Im Übrigen ist die geschilderte Situation eine geradezu "klassische" Voraussetzung für ein Prävventionsverfahren gem. § 167 Abs. 1 SGB IX.

  • Danke für den Link, kannte ich noch nicht.

    Ich sehe es trotzdem kritisch. Der AG gibt dem Betroffenen "schwere" Arbeit, die er aufgrund seiner Einschränkung nicht machen darf. Auf den Hinweis des Betroffenen, dass er an einem anderen Platz (wo er auch regelmäßig eingesetzt wird) arbeiten kann, bekommt er die Antwort, dass das jetzt nicht nötig wäre und er solle sich doch krank schreiben lassen.

    Wäre es nicht im Sinne der Fürsorgepflicht des AG, dass der Betroffene eben genau diese leichtere Tätigkeit ausüben kann? Und stellt der Betroffene nicht seine Arbeitskraft zur Verfügung und wäre es dann nicht ein Annahmeverzug des AG? Muss der Betroffene sich tatsächlich darauf einlassen, die schwerere Tätigkeit auszuüben, obwohl klar ist, dass sich dies negativ auf seine Gesundheit ausübt?

    In dem Kontext muss man beachten, dass es auch andere Menschen mit einer Einschränkung bei uns gibt, die plötzlich Gespräche (Krankenrückkehrgespräche, Fehlzeitengespräche, ...) mit Zeugen bekommen, wo direkt nach der Krankheit und einer Gesundheitsprognose gefragt wird.

    Für mich ergibt sich da der Eindruck, dass man gezielt versucht Menschen mit Einschränkungen zu "bearbeiten". Es gab noch einen Fall, der mit bisher zwei Kündigungsschutzklagen (bei beiden hat der AN Recht bekommen) geendet ist und nun geht der AG in die dritte Runde.

  • Hallo,

    Im Grunde stimme ich dem zu, hierbei macht der Ton die Musik!
    Der AG hat die Möglichkeit den AN durchaus nach Hause zu schicken bzw die Beendigung der Arbeit anzuordnen wenn der AN den Anforderungen gesundheitlich nicht gewachsen ist (besondere Fürsorgepflicht). Wobei er jedoch eher überdenken sollte dem AN nicht solche Tätigkeiten zuzuweisen und - wie du angemerkt hast - ein Prävventionsverfahren einzuleiten.

    Ein lapidares "dann lass dich doch krankschreiben" ist m.E. das falsche Zeichen durch den Vorgesetzten.


    greets Frank

  • Natürlich ist es ein Grund für eine AU, wenn ein AN mit Tätigkeiten beschäftigt wird, die seiner Gesundheit schaden.

    zweifelsohne, hat auch keiner bestritten.


    Es ging darum, sich nicht auf "Ratschlag" eines Vorgesetzten AU schreiben zu lassen, weil er nicht in der Lage ist mich als AN meinen Möglichkeiten entsprechend einzusetzen.


    Wenn ein Vorgesetzter weiß, das ich als AN eine Tätigkeit gesundheitlich nicht ausüben kann/darf und er mich dann auffordert mich AU schreiben zu lassen, dann läuft doch was falsch.

    Ich bin ja noch nicht AU weil ich die Tätigkeit nicht ausüben werde, wegen meiner Vorerkrankung.

    Ich sage das dem Vorgesetzen und weil der mich nicht umplanen will, lasse ich mich auf seinen "Ratschlag" hin AU schreiben?

    --> das kann mir keiner weismachen, dass das durch die AU-Richtlinie gedeckt ist


    Im Übrigen bezweifele ich, das ich Tätigkeiten überaus ausführen muss, die mich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit arbeitsunfähig machen.

    Die Scheu vor der Verantwortung ist eine Krankheit unserer Zeit, denn Macht ohne Verantwortung ist wie ein Feuer außer Kontrolle.


  • Nächster Fall. Mitarbeiter reicht Urlaubsantrag ein, weil er zum Arzt muss. Wird abgelehnt mit dem Hinweis, dass er sich krank schreiben lassen soll.

    Ja, man braucht nicht zwingend Urlaub für den Arztbesuch, aber das ist für mich auch nicht wirklich ein Ablehnungsgrund für einen Urlaubsantrag.

    Ich bleibe dabei, man versucht über die Fehlzeiten etwas zu konstruieren.

  • Nächster Fall. Mitarbeiter reicht Urlaubsantrag ein, weil er zum Arzt muss. Wird abgelehnt mit dem Hinweis, dass er sich krank schreiben lassen soll.

    Na dann ab zum Betriebsrat und der dackelt zum Arbeitgeber und fragt warum er den Urlaub nicht genehmigt und ob er dies lieber über die Einigungsstelle geklärt haben möchte!

  • Ich bin auch Betriebsrat. ;) Habe ihm geraten sich den Ablehnungsgrund schriftlich geben zu lassen und auf keinen Fall eine AU anzufordern. Er soll an dem Tag zur Arbeit kommen und dann einen normalen Arztbesuch buchen und sich die Bescheinigung vom Arzt geben lassen.

  • Mitarbeiter reicht Urlaubsantrag ein, weil er zum Arzt muss.

    Warum Urlaub? Ist § 616 BGB bei Euch Abmeldungen?

    Wird abgelehnt mit dem Hinweis, dass er sich krank schreiben lassen soll.

    Vllt sollte der BR bzgl dieser Abteilungsleitung ein massives Wort mit dem AG reden. Bzgl der SB wird sich da hochgradig illegal verhalten und schädigend (auch für den AG), und auch hier ist das Verhalten nicht tragbar.


    Habt Ihr eine SBV?

    "Wenn Arbeit etwas schönes und erfreuliches wäre, hätten die Reichen sie nicht den Armen überlassen." (Paul Lafargue)

    Einmal editiert, zuletzt von Fried () aus folgendem Grund: Ein Beitrag von Fried mit diesem Beitrag zusammengefügt.

  • Ich bin auch die SBV ;)

    Eigentlich hätte ich gestern einen Termin mir HR gehabt und hätte das Thema direkt angesprochen. Wurde leider verlegt. In der Abteilung habe ich bereits im Mitarbeitergespräch als BR auf die Rechte bei solchen Gesprächen hingewiesen. Es läuft also bereits.

    Ich wollte mich hier bzgl. dem Thema zur Aufforderung des "Krankschreibens" informieren, was ich da rechtlich unternehmen kann. Da bin ich noch nicht sicher, wie ich da vorgehen werde.

    Warum Urlaub? Ist § 616 BGB bei Euch Abmeldungen?

    Ist halt ein Brückentag und der Kollege wollte das wohl verbinden. Ich habe ihm gesagt, dass er seinen Urlaubsantrag ja nicht begründen muss.

  • Ich bin auch die SBV.

    Dann weise den AG auf seinen Rechtsverstoß gg § 167 (1) SGB IX hin, denn er hätte beim Eintreten von personen-, verhaltens- oder betriebsbedingten Schwierigkeiten im Arbeits- oder sonstigen Beschäftigungsverhältnis, die zur Gefährdung dieses Verhältnisses führen können, möglichst frühzeitig die Schwerbehindertenvertretung und die in § 176 genannten Vertretungen sowie das Integrationsamt einschalten müssen, um mit ihnen alle Möglichkeiten und alle zur Verfügung stehenden Hilfen zur Beratung und mögliche finanzielle Leistungen zu erörtern, mit denen die Schwierigkeiten beseitigt werden können und das Arbeits- oder sonstige Beschäftigungsverhältnis möglichst dauerhaft fortgesetzt werden kann.

    "Wenn Arbeit etwas schönes und erfreuliches wäre, hätten die Reichen sie nicht den Armen überlassen." (Paul Lafargue)

  • Eine Frage zum Verständnis: Liegt ein Attest o.ä. vor, in dem die Einschränkungen (nicht schwer heben usw.) nachweisbar sind? Bei uns gibt es da auch gerade Zoff, weil einem MA nur von seinem Arzt empfohlen wurde, auch nur noch leichtere Tätigkeiten auszuführen (er ist gleichgestellt), der AG das aber ignoriert. Wobei ich vermute, dass der AG da im Recht ist.

    ~~~ Alle sagten: Das geht nicht! Dann kam einer, der wusste das nicht und hat es einfach gemacht. ~~~

    ~~~ Eine Lösung hätte ich - mir fehlt nur das passende Problem. ~~~

  • Attest liegt vor und der Mitarbeiter geht auch ganz offen mit dem Thema um. Jeder kennt seine Einschränkungen und wenn jemand mehrfach an der Wirbelsäule operiert wurde und die letzte OP noch keine zwei Monate her ist, dann sollte man als AG oder Führungskraft wissen wie man damit umgeht.

  • DON-2 , was Du als SBV tun solltest, habe ich ja schon geschrieben. Als BR könntest Du die Abteilungsleitung und den AG mal darauf hinweisen, dass ein gewisser § 104 BetrVG existiert...


    BEM / Präventionsverfahren wurden nie durchgeführt?


    Wobei ich vermute, dass der AG da im Recht ist.

    Nein, denn das Verfahren nach § 167 (1) SGB IX müsste durchgeführt werden.

    "Wenn Arbeit etwas schönes und erfreuliches wäre, hätten die Reichen sie nicht den Armen überlassen." (Paul Lafargue)

    3 Mal editiert, zuletzt von Fried () aus folgendem Grund: Ein Beitrag von Fried mit diesem Beitrag zusammengefügt.

  • Attest liegt vor und der Mitarbeiter geht auch ganz offen mit dem Thema um. Jeder kennt seine Einschränkungen und wenn jemand mehrfach an der Wirbelsäule operiert wurde und die letzte OP noch keine zwei Monate her ist, dann sollte man als AG oder Führungskraft wissen wie man damit umgeht.

    und genau deswegen halte ich dieses "lass dich doch krankschreiben" eben für nicht zulässig.

    Die Scheu vor der Verantwortung ist eine Krankheit unserer Zeit, denn Macht ohne Verantwortung ist wie ein Feuer außer Kontrolle.