Stufenweise Wiedereingliederung

  • Hallo.

    Ist die Stufenweise Wiedereingliederung pflicht?

    Wenn der MA das nicht möchte und ab sofort ganz normal arbeiten will, was passiert?

    Danke.

  • Nach langer Erkrankung dürfen Mitarbeiter ihre Arbeit nicht in vollem Pensum wieder aufnehmen - unabhängig von der Ursache. Vielmehr muss der noch angeschlagene Mitarbeiter schrittweise an die Arbeit herangeführt werden.


    Quelle

    Wenn der MA das nicht möchte und ab sofort ganz normal arbeiten will, was passiert?

    Was passiert, wenn der MA sich überschätzt und durch eigene Unvernunft erneut längerfristig ausfällt und der AG dies billigend in Kauf genommen hat, möchte ich weder als AN noch als AG testen...

    Für einen Betriebsrat gilt: Lobt dich der Gegner, ist das bedenklich. Schimpft er, dann bist du in der Regel auf dem richtigen Weg. (August Bebel)

  • Meiner Meinung nach ist das "Hamburger Modell" für den Arbeitnehmer freiwillig. Wenn der AN also freiwillig wieder voll arbeiten möchte, kann er dies tun.


    Die stufenweise Wiedereingliederung ist ein Programm, welches freiwillig ist und somit vom Arbeitnehmer beantragt werden muss. Da der Arbeitgeber nicht dazu verpflichtet ist, bedarf das Hamburger Modell, anders als bei der betrieblichen Wiedereingliederung, der ausdrücklichen Zustimmung des Arbeitgebers.

    "Das Gras wächst nicht schneller wenn man dran zieht."

    "Immer Sonne ist Wüste"

    stellv.BRV,7er Gremium,kein Tarif

  • AG können Mitarbeiter nicht zwingen, an einer stufenweisen Wiedereingliederung teilzunehmen. Diese ist vielmehr freiwillig. Lehnt einer Ihrer Mitarbeiter eine entsprechende Maßnahme ab, hat dies für diesen keine negativen Konsequenzen zur Folge.


    Ob das irgendwo geregelt ist, kann ich nicht sagen....

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  • Die Freiwilligkeit des BEM seitens des/der AN ergibt sich klar aus der Formulierung "mit Zustimmung und Beteiligung der betroffenen Person" im § 84 II SGB IX. (Fettung von mir)


    Näheres ist in den Kommentierungen dazu nachzulesen.


    Im Übrigen ist, wie man beim Lesen eines Beitrages hier missverstehen könnte, die stufenweise Wiedereingliederung nach dem sog. Hamburger Modell NICHT etwas gänzlich anderes als das BEM oder gar etwas gegensätzliches, sondern es ist ganz schlicht eine Möglichkeit, wie man ein BEM durchführen kann.


    Die stufenweise Wiedereingliederung ist eine von mehreren Möglichkeiten zur Durchführung eines BEM ("stufenweise Wiedereingliederung" ist also, wenn man so will, eine echte Teilmenge von "BEM"); sie kann alleine stehen, sie kann durch weitere Maßnahmen ergänzt werden, oder es können andere Maßnahmen des BEM unter Verzicht auf eine Wiedereingliederung durchgeführt werden - ganz nach den Erfordernissen oder Wünschen des Einzelfalles.


    Wenn der AG seiner Verpflichtung nachkommt und ein BEM anbietet, kann der/die AN das ablehnen. Die Ablehnung der stufenweisen Wiedereingliederung ist aber nicht gleich einer Ablehnung des BEM im Ganzen- man könnte und sollte also klären, was für den/die AN als BEM in Frage kommt (z.B. ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes, organisatorische Änderungen, Arbeitszeiten und Pausennahme, technische Arbeitshilfen, Barrierefreiheit, Qualifikation, Coaching, Umsetzung usw. usf. ).


    Ergänzung: Habt Ihr eine BV oder ein gängiges betriebliches Verfahren zum BEM? Ist der BR dazu geschult, und gibt es weitere kompetente Mitarbeiter:innen? Ein BEM-Team?

    3 Mal editiert, zuletzt von Winfried () aus folgendem Grund: Ein Beitrag von Winfried mit diesem Beitrag zusammengefügt.

  • Wie Winfried ja schon geschrieben hat, kann die Wiedereingliederung nach Hamburger Modell eine Maßnahme eines BEM sein. Allerdings ist mir noch nicht so ganz klar, was der MA hier eigentlich genau ablehnen will. Ein BEM oder eine Wiedereingliederung nach Hamburger Modell?

    Geht es um eine Wiedereingliederung nach Hamburger Modell, kann der MA nicht einfach ablehnen und wieder voll arbeiten. Während der Wiedereingliederung nach Hamburger Modell bekommt man weiterhin Krankengeld und kein Gehalt, der einzige Zweck dieser Maßnahme ist es, die Leistungsfähigkeit zurück zu gewinnen. Man ist praktisch noch AU und wird schrittweise wieder an die "Arbeitsfähigkeit" herangeführt. Wenn man also eine Wiedereingliederung nach Hamburger Modell ablehnt oder abbricht (was man durchaus darf) ist man einfach weiterhin AU und kann entsprechend nicht einfach wieder voll arbeiten gehen.

  • Geht es um eine Wiedereingliederung nach Hamburger Modell, kann der MA nicht einfach ablehnen und wieder voll arbeiten.

    Doch, das kann und darf man als AN.


    Wenn man keine Wiedereingliederung macht, dann endet irgendwann einfach die Krankschreibung und man steht dann ab dem ersten Tag nach Beendigung der AU gemäß der arbeitsvertraglichen Pflichten dem AG voll zur Verfügung. Wie es bei einer AU grundsätzlich eben ist.


    Man fährt sozusagen von jetzt auf sofort von 0 auf 100 hoch. Egal wie lange man ausgefallen war und aus welchem Grund.


    Aus meinem eigenen Arbeitsfeld (Menschen nach neurologischen Erkrankungen) kann ich berichten, dass das in manchen Fällen funktioniert, in vielen aber eben nicht.

  • Hallo,


    da sträuben sich mir alle Nackenhaare, wenn ich die Diskussion verfolge. Der von MmdL gesetzte Link ist derart fehlerhaft, daß es müssig ist, zu schreiben, was da überhaupt stimmt. Der von Winfried genannte § ist falsch. In § 84 SGB IX geht es um Hilfsmittel.


    Da ich keinen Bock habe, hier seitenweise Kommentierung abzutippen, hier mal die Sachlage, wie sie sich aus der mir bekannten Rechtsprechung und unstrittigen Fachkommentierung ergibt:


    1.

    Die stufenweise Wiedereingliederung bei AU ergibt sich aus § 44 SGB IX

    § 44 SGB IX - Einzelnorm (gesetze-im-internet.de)

    und ist eine Maßnahme der medizinischen Rehabilitation.


    2.

    Die Zuständigkeit der KK für Reha ergibt sich aus § 11 Abs. 2 SGB V:

    § 11 SGB 5 - Einzelnorm (gesetze-im-internet.de)


    3.

    Die Zuständigkeit der RV ergibt sich aus § 15 Abs. 1 SGB VI, wenn die WE im Anschluß an eine medizinische Reha stattfinden soll.


    4.

    Für eine WE ist gem. § 44 SGB IX immer eine ärztliche Verordnung mit einem Stufenplan notwendig.


    5.

    Die Teilnahme des AN an einer WE ist immer freiwillig gem. § 44 SGB IX ("sollen"). Allerdings trägt bei Ablehnung einer WE der AN auch das Risiko der Folgen.


    6.

    Ohne ärztliche Verordnung kann eine WE auch niemals eine BEM-Maßnahme sein, da für eine (auch reduzierte) Aufnahme der Tätigkeit während AU die Zustimmung des jeweiligen Kostenträgers notwendig ist.


    7.

    Die Aussage in dem Link von MmdL, daß für eine WE ein privatrechtlicher Vertrag notwendig wäre, ist in dem Moment Unsinn, wenn eine ärztliche Verordnung vorliegt.


    8.

    Der AG kann bei nicht schwerbehinderten/gleichgestellten Beschäftigten eine WE zwar ablehnen, braucht dafür aber sehr gute Gründe. Da ein Beschäftigter in WE gemäß den einschlägigen Richtlinien immer nur "on top" beschäftigt werden soll, liegt die Latte für eine Ablehnung lt. Rechtsprechung ziemlich hoch.


    9.

    Schwerbehinderte/gleichgestellte Beschäftigte haben aufgrund von § 164 Abs. 5 SGB IX

    § 164 SGB IX - Einzelnorm (gesetze-im-internet.de)

    einen einklagbaren Rechtsanspruch auf WE (wieder so ein Grund, warum auch BRe fundierte Kenntnisse im SGB IX benötigen).


    So, daß wars mal fürs erste als Rundumschlag, vielleicht findet der Thread ja wieder auf den Boden der (rechtlichen) Tatsachen zurück.

  • Falls ich gerade beidbeinig auf dem Schlauch stehe, erklärt mir bitte meinen Denkfehler. ?(


    Mal an einem Beispiel: Angenommen ,ich breche mir ein Bein und bin mehrere Monate krank geschrieben. Nach einiger Zeit meint der Arzt, jetzt solle ich mich langsam mal wieder ans Rumlatschen gewöhnen und solle mal mit 2 Stunden täglich anfangen. Während dieser Zeit sei ich weiterhin AU und bekäme ich keinen Arbeitslohn, sondern LFZ bzw. Krankengeld.


    Ich kann jetzt sagen, nö das will ich nicht. Das darf ich zwar, muß mir aber möglicherweise den Vorwurf anhören, an der Wiederherstellung meiner Arbeitsfähigkeit nicht angemessen mitgewirkt zu haben. Der AG kann ebenfalls sagen, er sei froh mich mal eine Weile los zu sein und wolle mich zum Ende der AU nicht beschäftigen. Das darf er zwar ebenfalls, hat dann aber schlechte Karten wenn er mich krankheitsbedingt kündigen will, falls ich dauerhaft geschädigt bin. So weit in Ordnung.


    Wenn jetzt der Arzt aber sagt, ich soll mit 2 Stunden anfangen und mich langsam steigern, ich aber erwidere, dass ich mich im Krankenstand sowieso langweile und sofort wieder 8 Stunden arbeiten will, trotz AU? Und meine Gesundheit damit erst so richtig ruiniere? 8|


    Nachtrag: Wolfgang war schneller und mit

    Die Teilnahme des AN an einer WE ist immer freiwillig gem. § 44 SGB IX ("sollen"). Allerdings trägt bei Ablehnung einer WE der AN auch das Risiko der Folgen.

    sehe ich die Frage als beantwortet an. Danke für deinen Beitrag.

    Für einen Betriebsrat gilt: Lobt dich der Gegner, ist das bedenklich. Schimpft er, dann bist du in der Regel auf dem richtigen Weg. (August Bebel)

  • da sträuben sich mir alle Nackenhaare, wenn ich die Diskussion verfolge.

    Da bin ich ja erstmal froh, bei Wolfgangs Rundumschlag nicht namentlich erwähnt worden zu sein :D

    das heißt dann wohl, dass ich mich zwar etwas ungenau ausgedrückt habe (was mir Winfrieds Antwort deutlich macht), aber zumindest nicht völlig daneben liege (sonst hätte ich wohl meinen verdienten Tritt von Wolfgang bekommen).


    Wenn man keine Wiedereingliederung macht, dann endet irgendwann einfach die Krankschreibung und man steht dann ab dem ersten Tag nach Beendigung der AU gemäß der arbeitsvertraglichen Pflichten dem AG voll zur Verfügung. Wie es bei einer AU grundsätzlich eben ist.

    Hervorhebung durch den zitierenden

    Das steht ja nicht im geringsten im Widerspruch zu dem was ich geschrieben, bzw. gemeint habe.

    Wenn man also eine Wiedereingliederung nach Hamburger Modell ablehnt oder abbricht (was man durchaus darf) ist man einfach weiterhin AU und kann entsprechend nicht einfach wieder voll arbeiten gehen.

    ...ich meinte, man kann nicht einfach sofort wieder voll arbeiten gehen.

    Natürlich endet die AU irgendwann, aber bis dahin ist man halt noch AU. Was ich konkret meinte ist, man kann nicht einfach in dem Zeitraum, in dem die WE stattfinden soll, stattdessen wieder voll arbeiten, weil man in diesem Zeitraum halt noch AU ist.

    (Ja ich weiß, man kann seine AU-Bescheinigung auch einfach in die Tonne kloppen und arbeiten gehen, aber das führt jetzt mMn zu weit).

  • Der von Winfried genannte § ist falsch. In § 84 SGB IX geht es um Hilfsmittel.

    Zitiert habe ich korrekt aus dem § 167 II SGB IX ("Prävention"), in dem es ums BEM geht. Warum ich statt 167 die Zahl 84 geschrieben habe? Keine Ahnung... :/


    albarracin hat mit seinen Einlassungen komplett recht, ich sehe da aber keinen Widerspruch zu meinen Aussagen hier, was die betriebliche Durchführung betrifft:

    Die stufenweise Wiedereingliederung ist eine von mehreren Möglichkeiten zur Durchführung eines BEM ("stufenweise Wiedereingliederung" ist also, wenn man so will, eine echte Teilmenge von "BEM"); sie kann alleine stehen, sie kann durch weitere Maßnahmen ergänzt werden, oder es können andere Maßnahmen des BEM unter Verzicht auf eine Wiedereingliederung durchgeführt werden - ganz nach den Erfordernissen oder Wünschen des Einzelfalles.


    Wenn der AG seiner Verpflichtung nachkommt und ein BEM anbietet, kann der/die AN das ablehnen. Die Ablehnung der stufenweisen Wiedereingliederung ist aber nicht gleich einer Ablehnung des BEM im Ganzen- man könnte und sollte also klären, was für den/die AN als BEM in Frage kommt (z.B. ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes, organisatorische Änderungen, Arbeitszeiten und Pausennahme, technische Arbeitshilfen, Barrierefreiheit, Qualifikation, Coaching, Umsetzung usw. usf. ).


    2 Mal editiert, zuletzt von Winfried () aus folgendem Grund: Ein Beitrag von Winfried mit diesem Beitrag zusammengefügt.

  • VERMUTUNGSMODUS AN: Du warst nur zu etwas mehr als der Hälfte bei der Sache... (in Zahlen zu ungefähr 50,3 %) ;)

    Dann kann man ja froh sein, dass ich immerhin bis zum SGB IX vorgedrungen bin und nicht z.B. den § 187 SGB V "Beginn der Mitgliedschaft bei einer neu errichteten Krankenkasse" zitiert habe... :/