Einführung gendergerechter Sprache mitbestimmungspflichtig?

  • Hallo liebe Kollegen,


    vorneweg: sollte ich übersehen haben, dass das Thema bereits behandelt wurde bitte ich um Entschuldigung. Ich hab nach den Begriffen gesucht, aber nichts wirklich passendes gefunden.


    Meine Frage ist eigentlich recht eindeutig: Der Arbeitgeber will im Betrieb "Gendergerechte und faire Sprache" einführen. Dazu hat er eine "Anleitung" bereitgestellt und schreibt an alle Mitarbeiter: "Bitte macht euch damit vertraut und achtet bei eurer Kommunikation zukünftig auf den korrekten Sprachgebrauch."


    Ist das mitbestimmungspflichtig? Ich denke hier an "Verhalten und Ordnung im Betrieb", also §87 (1) 1.


    Auf der anderen Seite kann der Arbeitgeber nach §106 GewO den Inhalt der Arbeitsleistung nach billigem Ermessen näher bestimmen. Das spräche dafür, dass es nicht der Mitbestimmung unterliegt.


    Ich bitte um erhellende Hinweise :)

  • https://dossier-arbeitsrecht.d…arbeitgeber-vorschreiben/


    gegen eine solche Regelung liegt offensichtlich gerade in Ingoldstadt ein MA-Klage vor, ob das "gendern" diskriminierend ist.


    "Verhalten und Ordnung" hat aber ja wenig damit zu tun, wie ich spreche. Sprechen ist ja auch nicht bei jedem eine geschuldete Arbeitsleistung.

    Wenn man direkt auf die Sprache einwirkt, also welche Wörter man zu benutzen hat, dann ist das für mich ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte.

    Die Scheu vor der Verantwortung ist eine Krankheit unserer Zeit, denn Macht ohne Verantwortung ist wie ein Feuer außer Kontrolle.


  • Aus meiner Sicht ein ganz klarer Fall von MBR.


    Will der AG seine externe Kommunikation derart gestalten, steht es ihm selbstverständlich frei, das so zu entscheiden und umzusetzen. Soll das aber für alle AN verbindlich sein, so hat der AG auch sicherzustellen, dass alle AN über die entsprechenden Skills verfügen.


    Und so wie auch die Einführung einer Betriebssprache mitbestimmungspflichtig ist, so sehe ich es hier auch. Ja, es ist und bleibt deutsch, wird aber durch die teilweise doch recht seltsam anmutenden Wortkonstruktionen zu einer Art "Kunstdeutsch". Und den Gebrauch kann ich nicht anordnen ohne sicherzustellen, dass auch alle dieser Sprache mächtig sind.


    Hat die Anweisung des AG lediglich "Showcharakter" (meint, die Anweisung erfolgt um nach außen hin darzustellen, schaut mal hier, wir machen bei jedem Blödsinn da mit) von mir aus. Will der AG das aber im Zweifelsfall restriktiv umsetzen, dann nur wenn er die AN auch entsprechend ausbildet. Und dann ist der BR auch noch über die interne Weiterbildung gem. 98 BetrVG mit im Boot.

    Wer fragt ist ein Narr - für fünf Minuten. Wer nicht fragt bleibt ein Narr - sein Leben lang!

  • Hallo Moritz,


    meine Frage ist etwas grundsätzlicherer Natur. Mir geht es nicht darum, wie eine Einführung gestaltet werden soll. Es geht um die Frage, ob überhaupt die Einführung unter den o.a. Rahmenbedingungen zulässig ist, bzw. ob der Betriebsrat hier ein Mitbestimmungsrecht (... bis zur Einigungsstelle hin ...) hat.


    Dass es für die Umsetzung bestimmte Vorgaben braucht (Schulung, Arbeitsmaterial etc.) ist klar.

  • ob der Betriebsrat hier ein Mitbestimmungsrecht (... bis zur Einigungsstelle hin ...) hat

    Und so wie auch die Einführung einer Betriebssprache mitbestimmungspflichtig ist, so sehe ich es hier auch.

    Ich dachte, ich hätte die Frage auch genauso grundsätzlich beantwortet, nicht?


    Ersetze "gendergerechte Sprache" durch Kisuaheli (heute eher Swahili genannt) und wir würden nicht eine Sekunde darüber reden, oder?


    Ist aber nur meine Einschätzung/mein Standpunkt. Das Thema ist vergleichsweise neu, da muss erst noch jemand "Rechtsgeschichte" schreiben.

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  • "Bitte macht euch damit vertraut und achtet bei eurer Kommunikation zukünftig auf den korrekten Sprachgebrauch."

    Klar doch Chef*in: Jede*r Rowdy*n fährt ne*n AUDI*N


    Wie will der AG eigentlich verfahren, wenn gegen die Anweisung zu genderneusprech verstoßen wird? Wenn mir mal ein "Kollegen" statt "Kolleg*innen" rausrutscht verstoße ich entweder gegen eine Anweisung oder (falls der BR die Entscheidung mitträgt) gegen eine BV. Werde ich dann abgemahnt und im Wiederholungsfall gekündigt? ;(


    M.E. kann der AG die MA nur anweisen, wie sie zu arbeiten haben und dass gewisse umgangssprachliche Mindeststandards nicht unterschritten werden. Aber ebenso wenig, wie er beispielsweise Dialekt verbieten kann, kann er vorschreiben, ob ich zu gendern habe. Daher würde ich keinen Anlass zur Mitbestimmung sehen, sondern dem AG erklären, wo er sich seine Anleitung hinstecken kann. :P


    Auch wenn ich jetzt gesteinigt werde: Die ganze Sprachtabu- und Genderdiskussion ist für mich ein Beleg, was passieren kann, wenn man es jeder übersensiblen Minderheit Recht machen will. Das meinen übrigens auch meine Frau und meine Tochter, die keinesfalls unterdrückte Heimchen am Herde sind.

    Für einen Betriebsrat gilt: Lobt dich der Gegner, ist das bedenklich. Schimpft er, dann bist du in der Regel auf dem richtigen Weg. (August Bebel)

  • Klar doch Chef*in: Jede*r Rowdy*n fährt ne*n AUDI*N

    Abmahnung, weil ...

    Klar doch Chef:in: Jede:r Rowdy:n fährt ne:n AUDI:N

    ;)


    Es gibt ja nicht mal einen Standard für diese sprachlichen Dissonanzen! Somit ist es schon im Einzelfall zu betrachten, wofür diese generell sein soll und wer die Deutungshoheit beansprucht, welcher Stil richtig oder falsch sei. Erst recht beim Ahnden von Verstößen .....

    Nach extern ist das bei uns auch gewünscht, wobei dafür eh eine Presseabteilung existiert, und intern gibt es (bisher) keine derartigen Begehrlichkeiten.

    Man wird alt wie ein Haus und lernt doch nie aus.

  • Auch wenn ich jetzt gesteinigt werde: Die ganze Sprachtabu- und Genderdiskussion ist für mich ein Beleg, was passieren kann, wenn man es jeder übersensiblen Minderheit Recht machen will. Das meinen übrigens auch meine Frau und meine Tochter, die keinesfalls unterdrückte Heimchen am Herde sind.

    Ich krieg das mit der virtuellen Steinigung nicht hin, gibt's da ne App?


    Wir im BR haben uns das Gendern angewöhnt, auch im Betrieb ist das mittlerweile gängig. Es ist einfach freundlicher. Manche Frauen melden uns zurück, dass sie sich bei einer Anrede wie "Kollegen" nicht so recht gemeint fühlen.

    Ich als Mann profitiere auch von dieser Sprache, weil ich die weibliche Belegschaft in manchen Fragen anders "mitdenke".

    Z.B. organisieren vollzeiterwerbstätige Männer ihr Leben tendenziell mehr um die Arbeit herum, während teilzeitbeschäftigte Frauen eher mit verschiedenen Rollen jonglieren und in Einklang bringen müssen. Gendern hilft mir, u.a. diese Vielfältigkeit mehr in den Blick zu nehmen.

    Und wenn wir so denken und Frauen sich mehr angesprochen fühlen, sind sie vielleicht auch eher bereit, für den BR zu kandidieren. Wir haben da als Minderheitengeschlecht den deutlichen Überhang.

  • ich bin zu alt für den Genderschei**


    ich schreibe weiter freundlich und höflich und damit hat es sich.

    Ich bestelle mir auch Zigeuner- oder Jägerschnitzel, serbische Bohnesuppe etc.pp. (sonst müsste ich darauf verzichten, weil ich die neumodernen Bezeichnungen gar nicht kenne)


    Ich beleidige niemanden und vermeide Menschen zu dikrimineren, aber manche Dinge sind einfach zu weit hergeholt als das ich das noch ernst nehmen kann.

    Die Scheu vor der Verantwortung ist eine Krankheit unserer Zeit, denn Macht ohne Verantwortung ist wie ein Feuer außer Kontrolle.


  • Also schön, dann muß ich mir halt etwas konstruktives und praktisches überlegen und habe auch schon eine Idee: Im Tierreich werden ja auch artübergreifend die Bezeichnungen "Kuh" und "Bock" für das Geschlecht verwendet. Das könnte man doch einfach auf den Menschen ausdehnen und sie politisch korrekt als Kollegenbock und Abteilungsleiterkuh anreden. :D



    sonst müsste ich darauf verzichten, weil ich die neumodernen Bezeichnungen gar nicht kenne

    Ethische Minderheitenschnitzel nach Sinti und Roma-Art und zum Dessert einen People of Colour-Kopf :P



    Wir im BR haben uns das Gendern angewöhnt, auch im Betrieb ist das mittlerweile gängig. Es ist einfach freundlicher.

    Okay, das respektiere ich, solange es nicht zwingend vorgegeben ist und nicht auf jedes Nichtgendern eine Belehrung erfolgt...


    Ich beleidige niemanden und vermeide Menschen zu dikrimineren, aber manche Dinge sind einfach zu weit hergeholt als das ich das noch ernst nehmen kann.

    Den albarracin wird es sicherlich freuen, dass es keine Schwarzfahrer mehr gibt. Die heißen jetzt "Mitfahrende ohne gültigen Fahrausweis." Dazu fällt mir ein ehemaliger Kollege aus Eritrea ein, der mal mit todernstem Gesicht behauptete, in Eritrea sage man Weißfahren, Weißmarkt, Weißarbeit etc. :D Als ich ihn mal naiv fragte, wie man Schwarze korrekt bezeichnet, antwortete er: "In Afrika würde man dich weder Indogerman-Europäer noch Farbloser nennen, sondern einfach Weißer. Daher ist es völlig korrekt, wenn du mich Schwarzer nennst, falls du meinen Vornamen mal vergessen solltest."

    Für einen Betriebsrat gilt: Lobt dich der Gegner, ist das bedenklich. Schimpft er, dann bist du in der Regel auf dem richtigen Weg. (August Bebel)

  • Zitat

    Ethische Minderheitenschnitzel nach Sinti und Roma-Art

    Ich dachte es handele sich um ein "Schnitzel, zubereitet nach althergebrachten Gewohnheiten mobiler ethnischer Minderheiten" :)

  • ich glaube das hat in Schottland angefangen mit dem Gendern, erst haben sich die Männer Röcke angezogen ohne was drunter, da ist denen untenrum zu kalt geworden und schon konnte man nicht mehr erkennen ist es Mann oder Frau oder etwas von beiden oder von beiden nix oder... :/

    Die Scheu vor der Verantwortung ist eine Krankheit unserer Zeit, denn Macht ohne Verantwortung ist wie ein Feuer außer Kontrolle.


  • Darf das eigentlich noch Bauernfrühstück heißen oder muss das Bratkartoffeln mit Eiern nach landwirtschaftlicher Art heißen?

    Das Leben ist Veränderung

    Starte dort, wo du stehst!

    Aber versuche jeden Tag einen neuen Startpunkt zu finden!
    Benutze das, was du hast!

    Aber versuche jeden Tag etwas neues zu benutzen!
    Tu das, was du kannst!

    Aber versuche jeden Tag etwas mehr zu tun!

  • Im Tierreich werden ja auch artübergreifend die Bezeichnungen "Kuh" und "Bock" für das Geschlecht verwendet.

    Lass das bitte nicht all die Rüden und Fähen, Bullen, Eber und Säue, Keiler und Bachen, Böcke und Geißen, Hengste und Stuten, Ganter, Erpel, Hähne und Hennen usw. usw. usw. hören, die würden dir was husten von wegen "artübergreifend"en Bezeichnungen für die Geschlechter ;):D8):saint:


    Darf das eigentlich noch Bauernfrühstück heißen

    Da mache ich mir um Kinderdöner oder Kinderschnitzel deutlich mehr Sorgen 8o

    Man wird alt wie ein Haus und lernt doch nie aus.

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  • Wir im BR haben uns das Gendern angewöhnt, auch im Betrieb ist das mittlerweile gängig. Es ist einfach freundlicher.

    Was bitte ist am Gendersprech freundlicher? Viele Bürger fühlen sich eher gekränkt. Im Vodafone-Forum z.B. beschweren sich männliche Kunden, weil sich sich mit Kund:innen nicht angesprochen fühlen. Und das m.E. zu recht. Ich bin ein Kunde, kein Kund. Wenn schon Gendersprech, dann nur bei Worten bei denen es auch sprachlich einen Sinn ergibt, das trifft m.E. z.B. auf "Kund:innen" nicht zu.

  • leider ist das mit dem Gendern oft nicht mehr als das Greenwashing vieler Unternehmen.

    Ich gender also ist alles gut.

    Wenn ich meinem Gegenüber mit Ehrlichkeit und Respekt begegne ist das viel aufrichtiger als gendern und wird sicherlich vom GEgenüber auch so aufgenommen

    You choose your leaders and place your trust as their lies wash you down and their promises rust (MMEB Going Underground)