Wechsel des Betriebsstandortes (ca. 26km)

  • Hallo,


    ich möchte vorausschicken, dass ich erst Ende letzten Jahres in den BR nachgerückt bin und daher noch keinerlei Erfahrung habe, was BR-Arbeit angeht. In dem Unternehmen bin ich jetzt seit 21 Jahren beschäftigt.


    Nun zu meiner Frage.

    Unsere Firma befindet sich südlich der Elbe, ca. 30km vom Stadtzentrum Hamburg entfernt im sogenannten "Speckgürtel" von HH.

    Unser CEO hatte uns Ende 2019 mitgeteilt, dass die Firma in 4 Jahren umziehen wird, aber wohin noch offen sei.

    Bei der vorletzten Mitarbeiterversammlung wurde uns dann mitgeteilt, dass die Firma (ca. 150 Mitarbeiter) nach Hamburg ziehen wird. Es handelt sich dabei um eine kleine Insel mit wenig Verkehrszugangsmöglichkeiten für den PKW-Verkehr und ca. 15 Minuten zu Fuß bis zur nächsten Bahnhaltestelle, mitten im Hafengebiet von Hamburg. Theoretisch fährt noch ein Bus, aber meist wartet man genau so lange wie man gehen würde.


    Die Belegschaft ist sehr inhomogen, was die Wohnorte angeht. Ich vermute einmal (eine Liste der Wohnorte liegt vor, ist aber noch nicht zu 100% ausgewertet), dass 1/3 der (meist länger zugehörigen) Kollegen südlich der Elbe wohnen und aktuell einen relativ kurzen Arbeitsweg haben, während 2/3 ca. aus Hamburg kommen und täglich "gegen den Strom" zur Arbeit fahren. Dies sind vermehrt neuere Kollegen, da wir in den letzten beiden Jahren jeweils pro Jahr 20-30 Neuzugänge hatten.


    Der BR wurde bisher gar nicht in das Thema "Wechsel des Betriebsstandortes" mit einbezogen, und bis auf die Adresse, die Vorstellung des Neubaus und den geplanten Umzugstermin wissen wir recht wenig.

    Ich bin Mitglied im neu gegründeten BR-Ausschuss, der sich mit dem Wechsel des Betriebsstandortes beschäftigen soll.

    Dadurch ergeben sich für mich als BR-Mitglied, aber auch persönlich, viele Fragen.


    Dass der Umzug als unternehmerische Entscheidung vom BR nicht hätte groß mit beeinflusst werden können, ist mir soweit klar. Aber für viele Kollegen bedeutet der Umzug eine erhebliche Mehrbelastung.


    Ich habe das für mich einmal beispielhaft gerechnet.

    Ich persönlich benötige aktuell 2 x 1/4 Std., um zur Firma zu kommen. In Zukunft fahre ich mit den Strom nach Hamburg rein und raus, d.h. ich muss mit minimal 2 x 1 1/4 Std. rechnen, eher mehr (wg. der Staus in Zeiten ohne Lockdown). Mit der Bahn bin ich auch bei 1 1/4 Std., wobei 1/2 Std. davon zu Fuß ist.

    Ich fahre somit im Jahr (ca. 45 Kalenderwochen) 10.800km mehr, falls ich mit dem Auto fahre, und benötige mind. 450 Std. mehr an Zeit (egal ob PKW oder HVV, größere Staus oder Zugausfälle, wie sie leider häufig vorkommen, nicht berücksichtigt).

    Mit dem HVV ließen sich die km-Kosten verringern. Der HVV ist für mich aber keine richtige Alternative, da ich die 1/2 der Zeit zu Fuß gehen müsste (und leider nicht mehr gut zu Fuß bin) und zudem aufgrund meiner chronischen Erkrankung Menschenansammlungen in der immer überfüllten Bahn (vor allem im Herbst/Winter/Frühjahr) lieber meide (und das auch schon vor Corona).

    Bei 0,30€/km und einem Mindestlohn von 9,50€/Std. wären dies alleine ein Nachteil von ca. 7.500€/Jahr bzw. 625€/Monat!

    Und so wie mir geht es vielen Kollegen, die mit dem Umzug eine erhebliche finanzielle Mehrbelastung und einen Verlust an Lebensqualität haben.

    Ich würde annehmen, dass es für 1/3 der Kollegen nachteilig, für 1/3 von Vorteil und für 1/3 ohne große Änderung ist.


    Wie kann der BR hier es erreichen, dass der AG einen Interessensausgleich oder einem Sozialplan zustimmt (nach §112).

    Hat jemand schon einmal eine ähnliche Situation und Tipps, wie man hier am geschicktesten vorgehen sollte?


    Vom AG angedacht wurde bisher eine Flexibilisierung der Arbeitszeit (d.h. morgens mobiles Arbeiten, gg. 10:00 Uhr ins Büro, um dem Berufsverkehr aus dem Weg zu gehen, um dann kurz nach dem Mittag oder ganz spät wieder nach Hause zu fahren.

    Zudem wird an ein Zuschuß oder eine kostenfreie Karte für den öffentlichen Nahverkehr (HVV) gedacht. Die Anreise mit dem PKW soll möglichst vermieden werden, da es auch mit der Parkplatzsituation am neuen Standort nicht sonderlich gut bestellt ist. Immerhin gibt es einen Bootsanleger... ;)


    Momentan kommen ca. 90% der Kollegen mit dem Auto.

    Für die Kollegen aus HH ist der öffentliche Nahverkehr sicher eine interessante Alternative (wenn Corona bis dahin hoffentlich seinen Schrecken verloren hat).

    Für viele Kollegen, die im dörflichen Umland der aktuellen Arbeitsstätte leben, ist dies aber keine richtige Alternative.


    Was gibt es sonst noch für Möglichkeiten?

    Maßnahmen, die mir bisher eingefallen sind:

    - flexiblere Gleitzeit/Kernarbeitszeit

    - vermehrt Home Office

    - dezentrale Kleinbüros

    - HVV-Karte / Tankkarte

    - Firmen-Shuttlebus

    - Finanzieller Ausgleich

    - zus. Urlaubstage


    Wobei vielen dieser Punkte der AG wahrscheinlich nicht zustimmen wird.


    Sorry für den langen Text, ist mein 1. Thema und werde mich hoffentlich hier mit der Zeit bessern ;) .


    Schon einmal vielen Dank für Eure Antworten...

  • Wie kann der BR hier es erreichen, dass der AG einen Interessensausgleich oder einem Sozialplan zustimmt (nach §112).

    Hallo TIP67,


    bei Eurem Umzug handel es sich um eine Betriebsänderung nach §111 BetrVG und somit seit ihr auch in den Verhandlungen zum IA und Sozialplan. Vom Umzug selber werdet Ihr den AG vermutlich nicht abbringen, er wird seine Gründe haben. Bei den Ausgleichszahlungen scheint euer AG aber ja grundsätzlich schon mal Bereitschaft signalisiert zu haben:

    Vom AG angedacht wurde bisher eine Flexibilisierung der Arbeitszeit (d.h. morgens mobiles Arbeiten, gg. 10:00 Uhr ins Büro, um dem Berufsverkehr aus dem Weg zu gehen, um dann kurz nach dem Mittag oder ganz spät wieder nach Hause zu fahren.

    Zudem wird an ein Zuschuß oder eine kostenfreie Karte für den öffentlichen Nahverkehr (HVV) gedacht.

    Das wäre ja schon mal eine Verhandlungsgrundlage. An der Parkplatzsituation an sich wird sich sicher nicht viel ändern lassen, aber einen Anreiz dafür zu schaffen nicht das Auto zu nutzen sollte drin sein. Dann bleiben die wenigen Parkplätze für diejenigen die keine andere Möglichkeit haben. Bei einer Parkplatzordnung ist der BR auch mit im Boot.


    Ich wünsche Euch viel Erfolg bei den Verhandlungen ;)

  • Hallo TIP67,

    habt ihr eine SBV, dann unbedingt mit ins Boot nehmen.

    Darauf drängen, dass die Barrierefreiheit beachtet wird, sanitäre Einrichtungen für Behinderte, Parkplätze für Behinderte etc.

    Lasst euch nicht mit den Worten abspeisen, wir haben doch momentan keine MA, die derlei Ansprüche haben.

    Dass kann sich schon Morgen ändern und dann ist das Geschrei bzgl. der Kosten für die Einrichtung groß.


    So wie schon der lustige Vogel schreibt, hier handelt es sich um eine Betriebsänderung, ihr solltet prüfen, ob ihr einen IA und SP erzwingen könnt, holt euch Sachverstand an eure Seite und macht einen entsprechenden Beschluss hierzu.


    In Sozialplänen werden meistens die finanziellen Ausgleiche zeitlich gedeckelt, bei zweckgebundenen Zuschüssen kann es sein, dass diese sich steuerlich günstig auswirken für den AG. Tankkarten Genen nur bis zu einem Wert von max. 40 EURO so mein letzter Stand, das hat auch wieder etwas mit der Steuer zu tun, die der AG zu entrichten hat.


    ich wünsche euch viel Erfolg bei den Verhandlungen.

    Das Leben ist Veränderung

    Starte dort, wo du stehst!

    Aber versuche jeden Tag einen neuen Startpunkt zu finden!
    Benutze das, was du hast!

    Aber versuche jeden Tag etwas neues zu benutzen!
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    Aber versuche jeden Tag etwas mehr zu tun!

  • Wenn ihr den BR mit ins Boot nehmt (Lustiger Vogel) und die SBV mit ins Boot nehmt (Der Nordfriese) und dann noch die anderen Mitarbeiter mit ins Boot nehmt (sag ich jetzt mal), dann dürfte das Verkehrsproblem leicht zu lösen sein, denn:

    Immerhin gibt es einen Bootsanleger... ;)


    Bei der Komplexität und ja schweren Auswirkungen ist Sachverstand sehr sinnvoll. Die Fahrtzeiten zu verschieben wäre eine Möglichkeit, die aber zeitlichen Mehraufwand auch nur in gewisser Weise auffängt. Homeoffice hilft da natürlich besser - wenn es gleichberechtigt für alle die Möglichkeit gibt.

  • Sorry für den langen Text, ist mein 1. Thema und werde mich hoffentlich hier mit der Zeit bessern

    Dafür brauchst du dich nicht zu entschuldigen. Ich arbeite gerade die ganzen Threads des letzten Monats auf und bin schon über diverse Threads gestolpert, wo der Ersteller lieblos drei Sätze ohne jeglichen Hintergrund hinknallt, dafür lieber auf Rückfragen nicht reagiert... da ist ein solcher Threadeinstieg, wo man schon mal sehr konkrete Ideen hat worum es geht, wirklich wohltuend!


    Zum Thema:

    Wie die Kollegen schon richtig schrieben, ist das ein (relativ) klarer Fall einer Betriebsänderung gem. § 111 BetrVG.


    Ärgerlicherweise ist der Weg zur und von der Arbeit grundsätzlich "Privatvergnügen". Will sagen: natürlich kann man hier etwas rausholen, aber ohne Einigung wird man in einer E-Stelle eher weniger rausholen.


    Aus unserer eigenen Geschichte (da war die Verlegung eines großen Teilbetriebes allerdings mit 60 km deutlich größer) noch folgende Vorschläge:


    Der AG hat Zuschüsse zu Umzügen (Maklerkosten, Umzugskostenbeteiligung und 2 Tage Sonderurlaub) gezahlt, wenn die Kollegen innerhalb der ersten zwei Jahre umgezogen sind. Wer wollte konnte sich zu günstigen Konditionen ein Fahrzeug leasen/finanzieren.


    Und es gab eine "Willkommensprämie" für alle AN, die den Umzug mitgemacht haben.


    Viel Erfolg bei den Verhandlungen!

    Wer fragt ist ein Narr - für fünf Minuten. Wer nicht fragt bleibt ein Narr - sein Leben lang!

  • Vielen Dank für die Rückmeldung. An eine günstige Leasingmöglichkeit von einem Auto hatte ich auch schon dran gedacht, zumindest für die Kollegen, die nicht mit den Öffis kommen können.